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CIDRE

Vier Kenner:innen, ein Tisch im Grünen, viele Flaschen und noch mehr Gläser. Was folgt, ist kein gewöhnliches Degustationsprotokoll. Die Sommelièren Sabrina Theus und Anna Baldi und die Cidre-Produzenten Christian Adank und Philipp Grob sprechen im Garten der Traube über alte Apfelsorten, Terroir, Tannine und das grosse Potenzial des unterschätzten Getränks.

 

von Doris Büchel

Fangen wir am Anfang an: Wovon sprechen wir, wenn wir von Cidre sprechen?

Christian Adank: Cidre ist grundsätzlich aus Äpfeln gemacht, kann aber auch Birnen enthalten. In der Schweiz kennt man natürlich den Most sehr gut – den «suure Moscht». Der ist eher herb. Cidre kommt vorwiegend aus Westeuropa: Frankreich, Spanien, England. Im Kern ist es vergorener Apfelsaft.

Philipp Grob: Was ihn auszeichnet, ist die natürliche Gärung – meistens in einem geschlossenen Behälter, in der Flasche selbst. Dadurch entsteht die Kohlensäure auf natürlichem Weg, sie wird nicht künstlich zugesetzt. Und man arbeitet nicht mit Konzentrat, sondern mit frischem Saft aus frischen Äpfeln.

Wo beginnt Cidre, wo hört Most auf?

PG: In der Schweiz kennen wir vor allem den süssen Most – pasteurisiert, ohne Alkohol. Dann gibt es den sauren Most, der komplett durchgegoren ist, manchmal mit Kohlensäure, meistens in der Bügelflasche. Der Cidre ist definitionsgemäss alkohol- und kohlensäurehaltig.

Sabrina Theus: Und die Flaschengärung beim Cidre ist qualitativ hochwertiger. Unter den Schaumweinen gilt sie als Königin der Produktionsmethoden – und viele Cidres deklarieren genau das: eine oder zwei Gärungen. Das bringt eine gewisse Komplexität mit sich.

PG: Diese Komplexität entsteht durch verschiedene Apfelsorten und deren Gerbstoffe. Man verwendet ja keine gezüchteten Speiseäpfel – und erst der Reifeprozess der Flaschengärung macht das Produkt zu dem, was es ist.

CA: Es ist wirklich ein handwerkliches Produkt. Die Herstellung verlangt viel Erfahrung. Spontangärung ist dabei ein grosses Thema – man arbeitet mit dem Saft und gibt ihm Zeit, sich zu entfalten. Das ist der entscheidende Unterschied zum sauren Most.

 

Wie positioniert sich Cidre zwischen Wein, Bier und alkoholfreiem Getränk?

Anna Baldi: Cidre sitzt genau zwischen den Stühlen. Das macht ihn spannend – aber auch schwer einzuordnen. Und da liegt das Imageproblem: Cidre ist keine eigenständige Kategorie. Man vergleicht ihn immer mit Wein oder Bier, mit Dingen, die man kennt.

ST: Cidre hat momentan einen riesigen Markt vor sich – gerade im Zusammenhang mit dem Trend zu weniger Alkohol. Ich liebe Bier, aber Cidre hat eine Saftigkeit, die Bier nicht bieten kann. Diese süss-saure Balance, diese Fruchtigkeit – das ist einfach lecker. Und der tiefe Alkoholgehalt macht ihn sehr zugänglich.

PG: Ich glaube, Cidre wird kein Massenprodukt – gerade, weil er artisanal hergestellt wird. Wein hat viel mehr das Potenzial, um die Welt zu gehen. Wir in der Ostschweiz haben seit langem eine tiefe Verbindung zum Apfel und zum Most. Cidre ist wie eine Veredelung dieser Tradition – einen Schritt höher, Richtung Fine Dining, Richtung Pairing. Dieses Potenzial sehe ich. Gleichzeitig ist Cidre sehr lokal. Und das finde ich eigentlich schön. Ein Cidre nach einer Wanderung – das hat auch was.

CA: Über 1 000 Apfelsorten gibt es in der Schweiz – das ist Wahnsinn. Dieses Potenzial kann man auch in die Flasche bringen. Das macht Cidre wirklich interessant.

 

Welche Vorurteile begegnen euch im Alltag?

ST: Vor allem, dass Cidre kein Potenzial hat. Dabei lässt sich das leicht widerlegen.

PG: Man könnte Jahrgangs-Cidre machen – mit dem gleichen Selbstverständnis und demselben Auftritt, den ein Wein hat.

CA: Bei der Traube macht man das selbstverständlich. Warum nicht beim Apfel? Die Vielfalt, die man ins Glas bringen kann, ist doch faszinierend.

ST: Vielleicht müssten die Produzenten auch einfach mutiger sein beim Preis. (lacht) Ich glaube, der tiefere Preis suggeriert Minderwertigkeit – auch wenn das Produkt das überhaupt nicht ist.

AB: Beim Offenausschank haben wir gemerkt, dass Cidre etwas mehr Erklärung braucht. Wer sich darauf eingelassen hat, war begeistert. Aber spontan bestellte man lieber ein Glas Weisswein zum Apéro.

PG: Dabei wird Prosecco ohne Hemmungen für unter zehn Franken gekauft – und der wird zu Hunderttausenden von Litern produziert. Unsere alten Hochstammbäume, das Fallobst, die alternierend be-schnittenen Bäume – der Aufwand dahinter ist schon auch da.

 

«Über 1000 Apfelsorten gibt es in der Schweiz - das ist Wahnsinn. Das macht Cidre wirklich interressant.» Christian Adank

Was macht den richtigen Apfel für den Cidre aus?

CA: Ein Cidre-Apfel braucht Balance: Gerbstoffe, Säure, Süsse. Diese drei Komponenten müssen stimmen. Das findet man bei alten Hochstammsorten – zum Beispiel beim «Tobiässler», «Engishofer», «Schneiderapfel» oder anderen alten Lokalsorten. Der entscheidende Unterschied zum Speiseapfel sind die Tannine. Manche dieser Äpfel sind so gerbstoffreich, dass man sie kaum essen kann – allenfalls als Kompott oder Apfelkuchen.

PG: Und diese Sorten sind teilweise hunderte Jahre alt. Früher verwendete man sie zum Kochen oder Trocknen. Die Speiseäpfel, die wir heute kennen, sind alle gezüchtet – das sind andere Welten.

Welchen Einfluss hat das Terroir beim Cidre?

PG: Die besten Äpfel wachsen natürlich im Thurgau. (lacht) Aber im Ernst: Der Einfluss des Bodensees, die kühlen Herbstnächte, die den Mostapfel zur Reife bringen – dieses Terroir ist spezifisch.

CA: Ich habe Äpfel aus dem Domleschg, auf rund 600 Metern, mit Schieferböden. Im Thurgau ist man eher auf 400 Metern, mit Lehm und Sandstein. Das macht geschmacklich einen Unterschied. Es gibt tatsächlich «Terroir-Cidres», die das gezielt kommunizieren. In der Schweiz sind wir davon noch weit entfernt – aber der Gedanke ist absolut valide.

PG: Wenn ich die letzten Äpfel nehme, die vom Baum fallen, sind das die aromatischsten, intensivsten im Geschmack. Und wenn man sie noch lagert – das ist dann fast der Amarone-Style des Cidre. (lacht)

 

Wohin geht der Trend?

AB: Dank des geringen Alkoholgehalts, der Vielfalt und Komplexität würde ich klar sagen: zu Cidre hin. Vielleicht kein Boom – aber eine stetige Bewegung in diese Richtung.

ST: Was ich mir als Sommelière wünschen würde: mehr Transparenz bei der Deklaration. Es ist immer noch eine Überraschung, was einen erwartet, wenn man eine Flasche Cidre öffnet. Für eine bewusste Empfehlung wären ein paar Mehrinformationen schön.

AB: Wobei das Geheimnisvolle ja auch seinen Reiz hat …

ST: Stimmt. Vielleicht ist das auch ein Teil des Charmes.